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Die Welt, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Zum 225. der Fachleute-Zeitung NZZ

Einst war es bei der Neuen Zürcher Zeitung Redaktoren-Pflicht, Mitglied der Freisinnigen Partei zu sein - nach 225 Jahren Zeitungsgeschichte, die sich am 12. Januar rundeten, nur mehr eine Episode. Die Hauskultur aber ist immer noch einzigartig. Zentralisierte Kompetenzen sei bei der NZZ unbekannt, schreibt Kurt W. Zimmermann in der Welt: "Auch der Chefredakteur weiß, daß er der Redaktion herzlich wenig zu sagen hat." Laut Peter Glotz ist die NZZ sogar "das letzte Produkt des Schweizer Freisinns, das außerhalb der Schweiz eine gewisse Beachtung erfährt". Allerdngs habe die Zeitung den Populisten Blocher "eher gefördert als gebremst" und damit an der Erosion der Schweizer Mitte-Parteien heftig mitgewirkt, stellt der in St. Gallen lehrende Glotz im Tagesspiegel fest. Auch die wirtschaftsnahe Ausrichtung der NZZ lässt sich für den ehemaligen SPD-Generalsekretär "ertragen", denn sowohl der Schweizer Boulevard als auch die Konkurrenz vom Tagesanzeiger seien eher links als rechts. Glaubt man Roger de Weck in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, so beruht das Erfolgsgeheimnis auf purer Dialektik: "Das liegt an ihrer Kompetenz, und letztere geht darauf zurück, daß NZZ-Journalisten nicht in erster Linie Journalisten sein müssen, sondern Fachleute." Und die seien in erster Linie an Entwicklungen interessiert, nicht an Ereignissen, denn "die NZZ haßt es, wenn etwas geschieht". Dazu passt, dass das Blatt den Tag des Mauerfalls 1989 mit einem Einspalter auf der Titelseite abhakte (immerhin ein Punkt größer als gewöhnlich), aber schon 24 Stunden später in einem nun ganzseitigen Frontkommentar ein "ökonomisch völlig von Bonn abhängiges" Ostdeutschland weissagte und auch sonst dank der geballten Macht ihrer Korrespondenten einfach "großartig" war, wie der Welt-Autor Zimmermann bemerkt, ein wahrer Lokalpatriot übrigens: "Wir Schweizer lieben die 'NZZ'." Die Süddeutsche schickt - stets investigativ - sogar zwei Berichterstatter "zu Besuch bei einer alten Dame", und NZZ-Chefredakteur Hugo Bütler darf "versonnen" aus seinem Erkerzimmer im zweiten Stock schauen. Versonnen stimmt auch die Verlagspolitik: 1.450 Aktionäre hat die NZZ, doch denen es nicht um den Shareholder-Value. Gewinne werden reinvestiert, damit die Zeitung noch besser wird. Das gibt es nur in Zürich.
Zuletzt bearbeitet 13.01.2005 14:58 Uhr
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