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Frankfurter Rundschau, Kölner Stadtanzeiger, Süddeutsche Zeitung, Tageszeitung

NPD wird hart angegangen oder gar nicht gefragt

Nach dem hilflosen Umgang mit den Wahlerfolgen von NPD und DVU vor zwei Jahren in Sachsen und Brandenburg hatten sich die öffentlich-rechtlichen Berichterstatter diesmal auf den bevorstehenden Einzug der NPD in Mecklenburg-Vorpommern vorbereitet. Das ZDF übte in Workshops Interview-Situationen ein, um "mit den Vertretern der Rechtsextremen sachkundig und situationsgemäß umzugehen" (Chefredakteur Nikolaus Brender im Tagesspiegel).

Nach dem Urteil der taz gelang dies "leidlich". Am abrupt beendeten ZDF-Interview mit Spitzenkandidat Udo Pastörs missfiel Steffen Grimberg allerdings die "klare Parteilichkeit im unabhängigen Journalismus". Da könne sich die NPD-Anhängerschaft weiterhin als Opfer fühlen. Ohnehin wünschte sich der taz-Autor bei den Sendern die Einsicht, "dass solche Phrasenrunden auch ohne Rechtsaußen-Problematik Unsinn, weil erkenntnisfrei sind".

Die Süddeutsche obduzierte neben dem besagten ZDF-Gespräch ein Tagesschau-Interview mit Pastörs (Reporter-Schlusswort: "Adolf Hitler wertfrei und damit zurück nach Hamburg") und kam zu einem ähnlichen Ergebnis: "Der Dialog ähnelte einem Tribunal." Leitartikler Stefan Sauer vom Kölner Stadtanzeiger schilderte diese Gesprächssituation so: "Der Journalist (pampig) ersparte dem Politiker (höflich) Antworten zu politischen Plänen und Zielen." Pastörs habe nicht einen Satz zum Wahlergebnis sagen können.

Selbst Kai Gniffke ("Man sollte da noch ruhiger zu Werke gehen") hätte sich etwas mehr Gelassenheit gewünscht, zumal - wie der ARD-Aktuell-Chef gegenüber der Süddeutschen medienkompetent festhielt - Pastörs zum ersten Mal vor einem Millionenpublikum auftrat. Da müsse man "versuchen, den Zuschauern klarzumachen, mit wem wir es zu tun haben".

Zustimmung gab es hingegen aus der Frankfurter Rundschau. Christoph Lütgert, der das bewusste Tagesschau-Interview führte, habe genau das getan, was man vorher besprochen hatte, wird NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz zitiert. Man habe die NPD nicht zu ihrem Wahlprogramm befragen wollen, weil dort nichts mehr stehe, was Verfassungsfeindlich sei oder was deren tatsächliche Gesinnung deutlich mache. "Trichterfragen" seien ein probates Mittel. Dabei untersuche man die Rechtsextremisten und ihr Grundverständnis.

Der Verzicht der Privatsender auf Live-Interviews mit NPD-Politikern, um den rechten keine Plattform zu bieten, erntete auf praktisch allen Medienseiten Missfallen. Journalistisch sei das nicht, meint die taz, und SZ-Autorin Christina-Maria Berr sieht die Informationsansprüche bei RTL "inzwischen offenbar so sehr heruntergedimmt, dass man sich mit solchen Fragen nicht beschäftigen muss".
Zuletzt bearbeitet 20.09.2006 12:56 Uhr
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