Süddeutsche Zeitung

FAZ-Korrespondent gegen ZDF-Autor, ein balkanischer Streit

In den meisten hiesigen Medien war die Berichterstattung über den Kosovokrieg und das Eingreifen der Nato mit deutscher Zustimmung eine klare Sache. Nur aus publizistischen Nischen - vornehmlich weit links des bürgerlichen Medien-Mainstreams - meldeten sich Gegenstimmen. Vor diesem Hintergrund muss man nun lesen, wie die Süddeutsche Zeitung einen politisch heiklen Fall aufgreift: Den Streit des ZDF-Autors Franz-Josef Hutsch mit dem FAZ-Korrespondenten Matthias Rüb, inzwischen in Washington.

Rüb gilt noch heute als großer Balkan-Experte; gut und böse wusste er im ehemaligen Jugoslawien stets sicher zu verorten, selbst von Budapest aus. Von dort aus berichtete Rüb 1999 auch, die Opfer des Massakers an albanischen Zivilisten in Racak, das als Auslöser für das Eingreifen der Nato gilt und auch dem damaligen grünen Außenminister Josef Fischer zur politischen Rechtfertigung diente, seien von Serben verstümmelt worden: "Schädel eingeschlagen, Gesichter zerschossen, Augen ausgestochen. Ein Mann war enthauptet." Ein von der EU eingesetztes Team ermittelte später allerdings, streunende Tiere hätten den Leichen der Albaner nachträglich Wunden beigebracht.

Anders als Rüb war Hutsch damals vor Ort; anders als Rüb auch hielt er die Frage der Täterschaft für nicht geklärt. Im November 2004 kritisierte er die Berichterstattung des FAZ-Mannes in einem Interview mit dem Freitag und dem serbischen Journal NIN.

Am 3. Mai dieses Jahres warf Rüb nun Hutsch in einem Artikel ("Im Zweifel für den Angeklagten Milosevic") vor, ein "Aufschneider" zu sein und einen "Topos der serbisch-nationalistischen Propaganda" zu verbreiten. Anlass waren Hutschs Berichte im Heute Journal über die Ausschreitungen radikaler Albaner gegen die serbische Minderheit im Kosovo im März 2004. Hutsch hatte einen Kosovo-Albaner als Drahtzieher der Unruhen ausfindig gemacht, der bezahlter Informant des BND gewesen sein soll und Kontakt zu al-Qaida gehabt habe.

"Starken Tobak" nennt das die Süddeutsche Zeitung. Offenbar trieben aber Rüb in seiner Replik, in der Hutsch als "Star des Revisionismus" serbischer Medien angefeindet wird, nicht nur professionelle Motive. "Rüb bestreitet, sein Stück vom 3. Mai sei eine Art Retourkutsche gewesen", heißt es dazu lapidar in der Süddeutschen. Der Chef des Heute Journals, Klaus Kleber, sieht in Rübs Artikel gar "ein Schulbeispiel dafür, wie Weglassungen und falsche Darstellungen ein Bild verfälschen können".

So warf Rüb seinem journalistischen Kontrahenten vor, vor dem Tribunal in Den Haag als Zeuge Milosevics ausgesagt zu haben, unterschlug aber, dass Hutsch auf Antrag der Verteidigung vernommen wurde und sich der Vorladung nach eigenen Angaben nicht entziehen konnte. In seiner Aussage, so Rüb außerdem, soll Hutsch das Wort "Mord" im Zusammenhang mit serbischen Taten nicht in den Mund genommen haben. Hutschs eigene Darstellung und das Protokoll der Vernehmung ergeben ein anderes Bild. Die FAZ und Rüb haben in diesem Punkt eine Unterlassungserklärung abgegeben.

Wegen anderer Streitpunkte trifft man sich demnächst zum Hauptverfahren vor dem Landgericht Hamburg, nachdem Hutsch in fünf Punkten eine einstweilige Verfügung erwirkt hatte, die später bestätigt wurde, aber keine Gegendarstellung in der Zeitung durchzusetzen vermochte. Zudem ist eine Beschwerde beim Deutschen Presserat anhängig.
Zuletzt bearbeitet 15.11.2005 12:20 Uhr