Das deutsche Wall Street Journal ist ein Hybrid-Produkt und sehr amerikanisch

Das renommierte US-amerikanische Wirtschaftsblatt Wall Street Journal hat seine deutsche Ausgabe lanciert. Sie erscheint nur online, ist gestalterisch spürbar dem Look und Feel der Mutter-Website und damit dem großen Namen verpflichtet. Nur inhaltlich kommt sie erheblich dünner daher.

Im Vergleich zu den Portalen der deutschen Konkurrenten Handelsblatt und Financial Times Deutschland wirkt auch das Design sehr amerikanisch: Die Seiten sind erheblich kleinteiliger und unruhiger aufgebaut. Die Homepage läuft über drei Spalten und wechselt unterwegs das Raster. Unüblich bei deutschen Online-Medien ist es auch, zu jedem Artikel die E-Mail-Adressen der Autoren zu stellen.

Über den deutschen Tellerrand hinaus
Chefredakteur Knut Engelmann, der von der Nachrichtenagentur Reuters kam, wo er zuletzt als "Global Editor" in New York arbeitete, verspricht seinen Lesern zum Start einen "Blick über den deutschen Tellerrand hinaus". Was in der hiesigen Wirtschaftspresse fehle, sei "eine globale Sicht nicht nur auf das, was in Deutschland passiert, sondern auch auf die neuesten Geschehnisse in Washington, London, Tokio und in den aufstrebenden Märkten Asiens oder Lateinamerikas".

Die ersten frei zugänglichen Aufmacher auf WSJ.de: Ein Interview mit Siemens-Finanzchef Joe Kaeser (Siemens schlägt vorsichtigere Töne an) und die Automesse in Detroit (Raus aus der Nische. Der Diesel soll in den USA salonfähig werden). Andere "Premium"-Inhalte sind mit einem Schlüssel-Symbol versehen und nur für Abonnenten - 2,92 Euro wöchentlich, die ersten vier Wochen gratis - zu öffnen. Das internationale Wall Street Journal hat dieses Freemium-Modell mit Paywall längst erfolgreich umgesetzt.

Viele Artikel-Übernahmen
Redaktionell stützt sich WSJ.de - die Domain trat die Württembergische Sportjugend ab - auf das 2.000-köpfige internationale Korrespondentennetz der hauseigenen Wirtschaftsagentur Dow Jones und dessen deutscher Tochter sowie auf ein kleines Team von Content Managern in Frankfurt.

Blättert man durch die deutsche Website und schaut auf die Autorenzeilen, so finden sich viele aus dem Englischen übernommene Artikel. Bei heimischen Themen unterhalb des Tellerrandes scheint dagegen eher Nachholbedarf bestehen. Hier setzt WSJ.de auf Artikel-Zulieferungen von Welt Online. Auch die Börsen-Daten kommen aus dem Hause Springer von Finanzen.net. A propos Springer: Selbst Bild.de ist der WSJ.de-Start einen ungewöhnlich langen Text samt Interview wert.

Nicht allein, weil sie nur noch digital erscheint - zum Start der Website steht auch eine iPad-App im iTunes-Store -, ist die deutsche Tochter von Rupert Murdochs News Corp. keine typische Zeitung mit typischer Redaktion mehr, sondern vielmehr ein Hybrid-Produkt. Das zeigt auch die Job-Beschreibung von Chefredakteur Engelmann: Der 43-Jährige leitet nicht nur WSJ.de, sondern seit Jahresbeginn auch die deutsche Redaktion von Dow Jones News - wenngleich dort noch niemand die Zeit gefunden hat, das Impressum zu aktualisieren.