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Spannend nicht nur für Blogger: Flattr bei der taz, Kachingle beim Vorwärts

Wenn Verlage heute von Erlösmodellen für Online-Content reden, dann türmen sich fast immer hohe Paywalls vor den Nutzern auf, um sorgsam gehütete Inhalte vom übrigen Web abzuschneiden. Doch das muss nicht sein. Zwei neue, dem Social-Media-Prinzip verpflichtete Micropayment-Systeme, die sich gerade in der Blogosphäre verbreiten, wollen beweisen, dass es auch anders geht. Fragt sich nur, ob dieser Bezahl-Kulturbruch mit seiner transparenten, eher Spenden-orientierten und auf Freiwilligkeit ausgerichteten Abrechnungsweise auch für große Inhalte-Anbieter interessant werden kann.

Als erste deutsche Tageszeitung hat die taz jetzt auf ihren Seiten Flattr eingebaut. Der neue Bezahldienst biete etwas, "was sich die taz schon lange wünscht", schreibt Online-Chef Matthias Urbach: "Einen direkten Weg, einen taz.de-Artikel zu würdigen. Und ohne dass man vor allem die Banken füttern muss wie bei der Zahlung per Kreditkarte oder Paypal."

Ganz ohne die Ebay-Tochter Paypal geht es dann aber doch (noch) nicht. Alternative Micropayment-Systeme sozialisieren nicht das Banken-System, sondern den Verteilungs-Modus. Online-Leser legen bei Flattr ihr monatliches Bezahl-Budget (ab 2 Dollar) selber fest. Gefällt ihnen ein Artikel, klicken sie auf den Flattr-Button. Bei Abrechnung am Monatsende wird das Budget gleichberechtigt auf alle geklickten Seiten verteilt.

Einer der beiden Flattr-Gründer ist Peter Sunde, vor einem Jahr noch wegen Urheberrechts-Verletzungen bei der Tauschbörse Pirate Bay in Schweden vor Gericht; das hat dem Startup eine gewisse Aufmerksamkeit eingebracht.

Viel Interesse aus Deutschland
Ein ähnliches, aber einfacheres Modell verfolgt Kachingle: Statt für einzelne Artikel zu zahlen, wird das Monats-Budget (5 Dollar) unter allen Seiten oder Websites verteilt, auf denen der Spender einmal das sogenannte Kachingle-Medaillon geklickt hat; die Häufigkeit der Besuche kann dabei als Verteilungs-Kriterium herangezogen werden.

Bei deutschen Bloggern ist die Akzeptanz schon recht hoch. Woher das spezielle Interesse aus Germany rührt, wusste selbst die kalifornische Kachingle-Gründerin Cynthia Typaldos in einem Interview mit der Kölner Medienjournalisten Ulrike Langner nicht genau zu sagen.

Auch der Online-Auftritt des Vorwärts zählt zu den early adopters. Seit Ende April steht das Kachingle-Medaillon auf der Website; ein Flattr-Button soll folgen. Bei dem traditionsreichen SPD-Blatt findet man das Prinzip der Social Reputation "spannend". Gemeinsam mit den technischen Entwicklern von Kachingle und Flattr werde daran gearbeitet, Zahlungen den einzelnen Autoren direkt zuzuordnen, "um zum Beispiel Ortsvereinen, spannenden Projekten, freien Redakteuren oder Gastautoren einen Teil der Einnahmen weitergeben zu können", schreibt Online-Redakteur Karsten Wenzlaff. Für direkte Zuordnungen dürfte das Artikel-basierte Flattr allerdings besser geeignet sein.

An Spenden-Kampagnen gewohnt
Bei der taz sind freiwillige Zahlungen für die an zahlreiche Rettungs- und Spenden-Kampagnen gewohnten Leser und Unterstützer nichts Ungewöhnliches. Das spricht für die Akzeptanz des Flattr-Buttons. "Dennoch glauben wir nicht, dass wir mit Flattr schnell auf unsere (Online-)Kosten kommen werden. Wir haben gelernt, dass man mehrere Wege gleichzeitig beschreiten muss", schreibt Urbach. Zumal sich Flattr bislang noch in der Beta-Phase befindet, nur per Einladung funktioniert und genau wie Kachingle erst eine geringe Reichweite besitzt.
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