Netzwerkgründung in Berlin: Geschlechterspezifische
Medizin in Gesetzgebung, Forschung und Praxis gefordert

Berlin, 7. März 2011. Um eine gute geschlechterspezifische Medizin zu verwirklichen, sind nationale und europäische Gesetzesänderungen dringend notwendig. Dabei ist die gesetzliche Fixierung der Einbeziehung von Männern und Frauen wie auch Menschen verschiedener Altersgruppen in Studien bei der Medikamentenentwicklung ebenso wichtig wie die Information über geschlechterspezifische Wirkungen von Arzneimitteln in den Beipackzetteln und die Aufnahme geschlechterspezifischer Inhalte in die Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten und als Bestandteil der Prüfungsordnung.

Zu diesen Ergebnissen kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines vom anna fischer project Berlin organisierten Workshops „Gendermedizin und Öffentlichkeit“ Anfang März im Deutschen Herzzentrum Berlin. Erstmals waren Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Bereiche des Gesundheitssystems, aus Gesundheitswirtschaft, Krankenkassen, Politik und Medien aus Deutschland und Österreich eingeladen, um das Thema geschlechterspezifische Medizin unter aktuellen Aspekten der Entwicklung des Gesundheitssystems zu diskutieren und ein entsprechendes Netzwerk zu gründen. In Referaten und Diskussionsbeträgen wurden aktuelle Erkenntnisse und Erfahrungen vorgestellt und Handlungsbedarf angemahnt. Während sich beispielsweise, wie im Vortrag von Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek, Berlin, in der Kardiologie Erkenntnisse zur geschlechterdifferenzierten Diagnostik und Therapie bei Frauen und Männern durchsetzen, stehen andere medizinische Fächer noch ganz am Anfang. So wurde nach Aussagen von Prof. Dr. Beate Rau, Chirurgin an der Charité, in zwei chirurgischen Fachgesellschaften jetzt eine entsprechende Arbeitsgruppe gegründet. In anderen Fächern, wie z. B. in der Rheumatologie (Prof. Dr. Erika Gromnica-Ihle, Berlin), der Diabetologie (Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Wien), der Zahnmedizin (PD Dr. Dr. Christiana Gleissner, Friedberg) oder in der Intensivmedizin (Dr. Maren Schmidt, Berlin) liegen erste Studienergebnisse vor, ebenso in der pharmakologischen Forschung (Prof. Dr. Karen Nieber, Leipzig). Über mehr als zehnjährige Erfahrungen in der Gesundheitsinformation für Frauen kann das Frauengesundheitsprogramm der Stadt Wien, vorgestellt von Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, zurückblicken. Sie legte den Fokus auf die umfassende Aufklärungen von Patientinnen und ihrer Familien.

Auch Krankenkassen wie die Barmer GEK und die KKH Allianz, das ging aus entsprechenden Statements hervor, stellen sich mit ihren Angeboten auf die wachsende Nachfrage nach geschlechterspezifischer Gesundheitsversorgung und -information ein. Als ein weiteres Erfordernis einer sich verändernden Medizin bezeichnete Dr. Ellis Huber, Vorstand der Securvita BKK, die stärkere Berücksichtigung psychosozialer Faktoren. Das unterstrich auch Dr. Regine Rapp-Engels, Deutscher Ärztinnenbund. Die zunehmende Zahl von Ärztinnen im Medizinbetrieb – und damit der „sprechenden Medizin“ würden auch der geschlechterspezifischen Medizin zuträglich ein.

Was die Umsetzung solcher Erkenntnisse für die Entwicklung von Medikamenten und Medizintechnik und in die medizinische Praxis, den Alltag in Kliniken und Praxen und zum Nutzen von Patientinnen und Patienten betrifft, ist, so die Botschaft des Workshops, noch immens viel zu tun. Als Herausforderung für die Gesundheitspolitik nicht zuletzt im europäischen Rahmen bezeichnete Dagmar Roth-Behrendt, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, die Erkenntnisse und Forderungen der Workshopteilnehmerinnen und –teilnehmer. Ein sich gegründende Netzwerk zur geschlechterspezifischen Medizin müsse den Druck auf die Institutionen sowohl vor Ort als auch im europäischen Rahmen erhöhen, damit die entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

(Alle Informationen zum Workshop finden Sie unter www.gendermed.info)