Lehrmeinungsstreit Borreliose: Odyssee der
Patienten dauert oft bis zu fünf Jahren

Blankenburg, 23. August 2010. Die beiden Borreliose Centren Augsburg und Blankenburg haben sich auf Diagnostik und Therapie der Chronischen Borreliose spezialisiert. Wir sprachen darüber mit Dr. med. Carsten Nicolaus, der das Centrum in Augsburg 2006 gründete.

Aus den Erfahrungsberichten vieler Patienten wissen wir, dass es zum Thema Chronische Borreliose gegensätzliche Meinungen der Experten gibt...

Dr. Nicolaus: Das Thema an sich ist von internationaler Relevanz. Weltweit haben 68 Länder mit zecken-übertragenen Erkrankungen zu tun, in allen Ländern treffen wir auf die gleiche Problematik. Es gibt zwei vorherrschende Lehrmeinungen; die noch gültige Meinung der IDSA und die Meinung der ILADS, zweier großer internationaler Fachgesellschaften. Die größere Gruppe, die IDSA, bezeichnet die Borreliose als Bagatellerkrankung und lehnt die Anerkennung chronischer Verlaufsformen und eine andere Diagnostik ab.
Die ILADS hingegen hat weitaus andere Erfahrungen gemacht. Die reale Gefahr einer Borreliose sogar mit Todesfolge wird von ihr hervorgehoben. Auf Grund von Studien konnte gezeigt werden, dass es durchschnittlich vier bis fünf Jahre dauert, bis ein Patient die Diagnose der Borreliose erhält. In dieser Zeit hat er ungefähr 15 verschiedene Arztkontakte, wobei nach zwei Jahren sehr häufig nur noch psychosomatische Diagnosen gestellt werden. Das bedeutet nicht nur einen sehr langen Leidensweg des Patienten, sondern auch immense Kosten für das Gesundheitswesen.
Ein weiterer Aspekt in der kontroversen Debatte ist die Labordiagnostik. Bei der Diagnostik der Borreliose wird in zwei Stufen verfahren. Die erste Stufe ist der ELISA-Test. Das Problem ist, dass der ELISA-Test ursprünglich nur für epidemiologische Untersuchungen vorgesehen war, labortechnisch ist er nicht geeignet für die Untersuchung am Patienten. Man kann sagen, dass je nach verwendeten Elisa-Test 15 bis 35 Prozent der Ergebnisse falsch-negativ sind. Der zweite Schritt, der Immunoblot, ist hingegen weitaus genauer, er hat eine Trefferwahrscheinlichkeit von ca. mehr als 90 Prozent. Die vorherrschende Meinung der IDSA besagt aber, dass der Immunoblot überflüssig sei, wenn der zuvor durchgeführte ELISA-Test negativ ist. Die Notwendigkeit beider Tests wird dabei negiert. Wir dagegen gehen davon aus: Wenn der Immunoblot immer mit durchgeführt würde, könnte das etwa 20 Prozent der Patienten den beschriebenen Leidensweg ersparen.

Diesen Lehrmeinungsstreit gibt es seit Ende der 1980er Jahre. In den USA hat er bereits gerichtliche Auseinandersetzungen nach sich gezogen. Die Krankenversicherungen halten sich bisher an die Lehrmeinung der IDSA und übernehmen deshalb nur in den seltensten Fällen die Kosten für Diagnose und Therapie – zum Nachteil der betroffenen Patienten.

Von wie vielen Betroffenen in Deutschland sprechen wir?

Dr Nicolaus: Nach seriösen Schätzungen kann man in Deutschland von mindestens 500.000 chronisch an Borreliose erkrankten Patienten ausgehen. Laut einer aktuellen Studie der Techniker Krankenkasse, die im Jahr 2008 von 743.000 Neuerkrankungen an Borreliose nach Zeckenstich ausgegangen ist, beläuft sich für 2009 die Zahl bereits auf 800.000. Die TK hat jedoch nur die Fälle gezählt, bei denen nach einem Zeckenstich eine Wanderröte aufgetreten ist. Dies ist nur bei etwa 60 Prozent der Fall , deshalb dürfte die Dunkelziffer weitaus höher sein. Bei rund 5 Prozent, so rechnet man, kommt es zu einer chronischen Borreliose. Erschreckend ist es dann angesichts dieser Zahlen, dass in Deutschland nur etwa 30 bis 40 Praxen die Kompetenz haben, eine Borreliose zu behandeln.
Das Borreliose Centrum Augsburg hat seit dem Jahr 2006 etwa 8000 Patienten behandelt.
2009 wurde ein zweites Borreliose Centrum in Blankenburg – BCB - eröffnet, das der Versorgung von Betroffenen in Norddeutschland, aber auch in West- und Nordeuropa zur Verfügung steht. Worauf liegt das Schwergewicht der Therapie in beiden Einrichtungen?

Dr. Nicolaus: Wichtig bei der Behandlung der Borreliose ist der ganzheitliche Therapieansatz. BCA und BCB handeln konsequent nach den Leitlinien der ILADS und der Deutschen Borreliose Gesellschaft. Durch die Einnahme von Antibiotika werden viele Patienten gesund, jedoch kann der Genesungsprozess durch die von uns angebotenen Begleittherapien verkürzt werden und die Nebenwirkungen einer antibiotischen Behandlung nahezu ganz unterdrückt werden. Dazu zählen neben der Stärkung des Immunsystems durch z.B. Nahrungsergänzungsmittel auch Schmerztherapien, Ernährungsberatung, Mental Coaching, Stressbewältigung und Physiotherapie.
Man kann also sagen, je ganzheitlicher der Therapieansatz gestaltet wird, desto schneller und nachhaltiger sind die Fortschritte im Genesungsprozess.
Das Borreliose Centrum Augsburg hat eine Studie durchgeführt und 900 Patienten befragt. Davon waren ca. 60 bis 65 Prozent nach der Behandlung komplett beschwerdefrei, bei 20 Prozent haben sich die Beschwerden deutlich gebessert und nur bei ca. fünf Prozent hat die Therapie nicht angesprochen. Das zeigt uns, dass wir den richtigen Weg verfolgen.

Die Therapie sollte also auf jeden Fall stationär erfolgen?

Dr. Nicolaus: Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, die von uns gegebenen Therapieempfehlungen mit Antibiotika beim Hausarzt durchführen zu lassen. In der Praxis ergeben sich hier jedoch immer wieder Probleme, weil viele Ärzte noch Informationsbedarf in Sachen Chronische Borreliose haben. Wenn der Patient zuvor zur Ganztagesbetreuung bei uns in Behandlung war, werden solche Probleme meist besser gemeistert.
Zudem bieten wir regelmäßig Fortbildungen für Ärzte an. Die nächsten finden am 30. Oktober in Blankenburg und am 13. November in Augsburg statt. So entstand bereits ein Pool von etwa 800 bis 900 mit uns kooperierenden Ärzten, die für die betroffenen Patienten kompetente Ansprechpartner und Behandler geworden sind.
Außerdem arbeiten wir eng mit Patientenverbänden und Selbsthilfegruppen zusammen. Man kann davon ausgehen, dass das Wissen um die Chronische Borreliose und die Möglichkeiten ihrer Behandlung wächst.