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Die Abwicklung der Westfälische Rundschau oder: Wenn Zeitungen nur noch als Zombie überleben können

Eine Traueranzeige für die Meinungsvielfalt
via Rundschau-Retten.de
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Eine Traueranzeige für die Meinungsvielfalt
via Rundschau-Retten.de
In Dortmund ist heute die letzte Ausgabe der Westfälischen Rundschau in eigener Regie erschienen. Die WAZ-Gruppe, die das Blatt verlegt, hat die gesamte Belegschaft zum 31. Januar entlassen. Betroffen sind 120 feste und knapp 200 freie Mitarbeiter. Die WR wird trotzdem weiter erscheinen, bestückt mit Inhalten der WAZ und ehemaliger Konkurrenzblätter. Einen Zeitungszombie hat der Medienjournalist Stefan Niggemeier dieses seelenlose Konstrukt genannt.

Dass die katholisch-konservativen Ruhr-Nachrichten (Lensing-Wolff) künftig den Dortmunder Lokalteil füllen, gilt als besonderer Treppenwitz; die Westfälische Rundschau ist traditionell SPD-nah. Die publizistische Lücke könnte eine Chance für Unternehmer-Journalisten oder Lokalblogger sein. (Update:) Tatsächlich eröffnen die Ruhrbarone einen Dortmunder Lokalteil. "Der Blog bleibt aber etwas, was wir in unserer Freizeit machen"sagte Gründer Stefan Laurien der Süddeutschen. Eine Ernst zu nehmende Konkurrenz ginge anders ran.

Alternativlose Abwicklung
Trotz aller Proteste durch Mitarbeiter, Bürger und Politiker: Die WAZ-Gruppe sieht zu der radikalen Abwicklung keine Alternative. In fünf Jahren habe das Blatt 50 Millionen Euro Verlust gemacht, die Auflage sei auf 110.000 Exemplare gesunken. In einer Pressemitteilung (PDF) wird die Entkernung als "Umstrukturierung" verkauft. "Angesichts des anhaltenden Anzeigen- und Auflagenrückgangs und der schlechten Geschäftsaussichten für das laufende Jahr" habe man jetzt handeln müssen. Ansonsten gibt man sich schmallippig. Berichterstattung in den eigenen Blättern wurde intern "aus übergeordnetem Interesse" untersagt.

Viele WR-Mitarbeiter glauben, dass die Zeitung jetzt sterben musste, weil die WAZ-Gruppe mit hohen Kreditschulden belastet ist. Grund: die Finanzierung der Übernahme der Anteils-Mehrheit rückwirkend zum 31. Dezember 2011 durch Petra Grotkamp. Die Tochter des Mit-Gründers Jakob Funke hat die Erben des anderen WAZ-Gründers Erich Brost angeblich mit 500 Millionen Euro ausbezahlt.

Dortmunder Trauer-Marsch
Die beim Versuch, die WR zu retten, stark engagierten Journalistengewerkschaften DJV und dju/Ver.di (mit Malte Hinz wurde Ende 2008 ein dju-Vorsitzender WR-Chefredakteur) haben heute für den 2. Februar in Dortmund zu einem Trauermarsch mit Kranzniederlegung aufgerufen. Die Schließung verhindern konnten sie trotz aller Gewerkschafts-Rhetorik ("Aufgrund einer einsamen Rendite-Entscheidung weniger Menschen in Essen verstarb heute in vielen Städten Westfalens die geliebte Meinungs- und Medienvielfalt") nicht. Im WAZ-Land ist auch die Sozialpartnerschaft eines Zeitungs-Konzerns und seiner Gewerkschaften vollends kaputt gegangen.

Das Bild, dass der einstmals als Regionalzeitungs-Krösus geltende WAZ-Konzern abgibt, spricht für sich und die gesamte Branche. Welche Zukunft soll denn ein Medium noch haben und wie oberflächlich müssen seine Leser sein, wenn es nur noch als Zombie überlebensfähig ist?
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