Vor wenigen Wochen wurde die erste gesetzliche Krankenkasse, die sich vorzugsweise an Frauen wendet, ins Leben gerufen. Über deren Anliegen und Sicht auf eine geschlechtspezifische Medizin sprachen wir mit Werner Wedig, Vorstand der Frauen-Krankenkasse salvina.
Die Zahl der Krankenkassen in Deutschland schrumpft, viele fusionieren – und nun eine neue gesetzliche Kasse. Wie passt das?
W. Wedig: Das „passt“, wie Sie sagen, sehr gut. Ich habe das sog. „Wettbewerbsstärkungsgesetz“ immer so verstanden, dass Krankenkassen und Leistungserbringer mehr Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten bekommen haben. Wir als salvina werden die „neuen Freiheiten“ dazu nutzen, die Versorgungsbedürfnisse speziell unserer weiblichen Kundinnen besser zu erfüllen als andere, mit einer klaren Positionierung und einem individuellen Angebot. Eine Fusion birgt ja immer die Gefahr, dass die Ausrichtung zur Disposition steht und Kompromisse gemacht werden müssen. Das wollen wir nicht.
Die geschlechtsspezifische Medizin – bezogen auf Frauen – und das Angebot einer Reihe von alternativen Behandlungsmethoden stehen bei salvina im Vordergrund. Glauben Sie, dass die Realität der medizinischen Angebote in unserem Lande das bereits leisten kann? Theoretisch gibt es zwar inzwischen Arbeiten dazu, aber das Bewusstsein bei Ärzten und anderen Therapeuten ist, besonders bezogen auf die Gendermedizin, noch längst nicht vorhanden. Die meisten Mediziner haben sich damit noch nicht beschäftigt. Wie wollen Sie für Ihre Versicherten Partner finden, die dem Anspruch einer auf Frauen zugeschnittenen Medizin gerecht werden?
W. Wedig: Ich bin davon überzeugt, dass die „Realität der medizinischen Angebote“ sehr viel vielschichtiger ist, als dies in der breiten Öffentlichkeit bekannt ist. Ich glaube, es gibt kein anderes Land der Welt, dessen (auch frauenspezifisches) Angebot an medizinischen Leistungen so umfangreich ist, wie dies in Deutschland der Fall ist.
Anders sieht es tatsächlich mit dem Bewusstsein aus, dass z.B. eine geschlechtsspezifische Betrachtung die Qualität und die Wirtschaftlichkeit der medizinischen Versorgung deutlich verbessern könnte. Sehr problematisch finde ich in diesem Zusammenhang die Vielstimmigkeit, besser Kakophonie der unüberschaubaren Lobby- und Interessensgruppen zum Thema Frauengesundheit. Wenn sich dieses „Insiderwissen“ und die „Partikularinteressen“ bündeln ließen, könnte sich niemand mehr dem Thema Gendermedizin entziehen. Auch nicht der Gemeinsame Bundesausschuss, der hier ja eine Vorreiterrolle spielen könnte. Unabhängig davon sehe ich aber erste Anzeichen für einen Bewusstseinswandel und das Interesse – vorrangig bei Frauenärztinnen und Frauenärzten – , dieses Thema voranzubringen.
Unser Gesundheitssystem befindet sich in einem Paradigmenwandel, der Arzt ist dabei ein Partner im System, ein anderer ist der Versicherte, der Patient. Dabei spielen umfassende Information und Kompetenz der Versicherten und Patienten eine immer größere Rolle. Wie sehen Sie dies in Bezug auf Ihre Kasse, auf Ihr Anliegen einer Frauenmedizin?
W. Wedig: Tatsächlich befindet sich u.a. das Paradigma „Ich vertraue meinem Arzt, meiner Ärztin, diese wissen schon, was gut für meine Gesundheit ist“ zunehmend unter Druck. Das ist begründet in der beinahe grenzenlosen Informationsflut, die das Internet, seriös und unseriös, und alle anderen Medien bieten. Dies trägt meiner Meinung nach nicht zwangsläufig zu einer besseren Informiertheit oder Kompetenzvermehrung der Versicherten bei.
Das Ziel der salvina ist es, ihren Kundinnen zu spezifischen Fragestellungen der Frauengesundheit eine möglichst differenzierte, eigene Entscheidungsfindung zu ermöglichen. Dass dies nicht immer einfach ist, lässt sich am Hype um die HPV-Impfung sehr schön zeigen.
Eine sachliche Aufklärung der Chancen und Risiken dieser Impfung war hier doch kaum mehr möglich. Ich würde mir wünschen, wenn in diesem Zusammenhang die Informationen z.B. der BzgA einen anderen Stellenwert in unserer Gesellschaft bekämen. Und natürlich dürfen sich auch Krankenkassen einer objektiven Betrachtung solcher „Innovationen“ nicht entziehen und sich notfalls auch wider den Wettbewerb stellen.
Die ÄrztInnen und Wissenschaftlerinnen, die sich mit Gendermedizin befassen, sind bei uns quasi noch „Exoten“. Sehen Sie Ihre Aufgabe auch darin, diese zu unterstützen – wenn ja, wie?
W. Wedig: Ich sehe unsere Ausrichtung als gute Möglichkeit, das Thema Gendermedizin prominent zu thematisieren.
Eine Krankenkasse „für Frauen“ gab es in dieser pointierten Form ja noch nicht. Deshalb fände ich es sehr gut, wenn wir die von Ihnen als „Exoten“ bezeichneten Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen für eine gemeinsame Weiterentwicklung gewinnen könnten. Denn zu allererst dort ist der Sachverstand zur Gendermedizin vorhanden.
Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass Frauen eine sprechende Medizin bevorzugen. Gerade die wird aber in unserem System nicht honoriert...
W. Wedig: So ist es. Wenn z.B. bei 30 - 40 Prozent der Patientinnen und Patienten psychische und soziale Probleme Anlass für den Arztbesuch sind, ist doch primär die „sprechende Medizin“ gefordert. Unsere Sprechstunden sind aber eher als Sprechminuten getaktet. Dass sich Ärztinnen ca. 10 Prozent mehr Zeit für das Patientengespräch nehmen, ist da schon einmal ein guter Anfang. Letztlich brauchen wir eine veränderte Honorierung der ärztlichen Leistung mit deutlichem Schwerpunkt auf das Gespräch.
Wir werden versuchen, dies über eine selektive Vertragspartnerwahl Schritt für Schritt umzusetzen. Ich bin fest davon überzeugt, dass dies auch ökonomisch sinnvoll ist und sich langfristig rechnet.
Auch alternative Heilmethoden finden bei Frauen besonderes Interesse, aber gerade auf diesem Markt gibt es, neben seriösen Anbietern, die auf eine gute Erfahrungsmedizin bauen, viele nicht nur unbewiesene Methoden sondern auch solche, die möglicherweise schaden. Wie wollen Sie hier die Spreu vom Weizen trennen und Ihre Versicherten gut beraten? Von vielen Kassen wird ja beklagt, dass gerade bei diesen Verfahren Studien fehlen.
W. Wedig: Bemerkenswerterweise werden immer die alternativen Heilmethoden als nicht wissenschaftlich belegt bemängelt. Dieser Mangel ist aber geradezu das Wesensmerkmal dieser Heilmethoden. Auch das Beispiel Akupunktur zeigt doch, dass man dort mit belastbaren Studien nicht weiterkommt. Selbst die „Placebo-Akupunktur“ hilft hier ja oft.
Alles, was in diesem Bereich von approbierten Ärztinnen und Ärzten unter Beachtung bestimmter Rahmenbedingungen (dazu gehört z.B. eine stringente Qualitäts- und Erfolgskontrolle) praktiziert wird, ist für mich prima vista gute Erfahrungsmedizin. Schauen Sie sich doch einmal den IGV-Vertrag zur Anthroposophischen Medizin der GAÄD an. Das macht auf mich einen sehr seriösen Eindruck.
Auf der anderen Seite würde ich mich gerne dafür stark machen, dass z.B. bei den etablierten Heilmethoden mehr auf die Besonderheiten der Frauenmedizin geachtet würde. Meines Wissens gibt es bislang keine verpflichtende Anwendungsbeobachtung bei unerwünschten Arzneimittelwirkungen, die auf die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau zurückzuführen sein könnten.